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Wolfgang und die Zivilcourage

15. Mai 2010

"Gesicht zeigen" ist gut fürs Ego und macht Spaß. Vor allem, wenn es ungefährlich ist. Wolfgang Thierse hat gezeigt, wie's geht.

Vor zwei Wochen feierte feierte die Hauptstadt mal wieder den 1. Mai. Wie jedes Jahr traten Gewerkschaften und diverse politische Gruppen auf den Plan und veranstalteten ihre Demonstrationen und Kundgebungen. Darunter auch ein paar Rechtsaußen. Nicht viele, gerade mal 700 Mann sind es letztlich geworden. Zum Familientag des örtlichen Möbelhauses kommen mehr. Und wie immer blockierten ein paar Tausend Gegendemonstranten die Straße, während die Polizei, wegen der alljährlichen Krawalle am Abend ohnehin vor Ort, sorgsam dafür sorgte, daß beide Gruppen nicht aufeinandertrafen. So weit, so gewöhnlich, könnte man meinen, wäre in diesem Jahr nicht höchste Politprominenz anwesend gewesen.

Kein geringerer als Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Bundestages, hatte sich unter die Sitzblockierer gemischt. Was aber bringt einen so hohen Staatsmann dazu, Schulter an Schulter mit dem einfachen Volk auf der Straße zu sitzen? Vorwürfe, er habe sich lediglich in der Öffentlichkeit ein bißchen aufspielen wollen und überhaupt sei die ganze Aktion würdelos gewesen, weist er souverän zurück. Gegenüber dem Tagesspiegel äußerte er sich wie folgt:

Würdelos wäre gewesen, andere zu Courage aufzufordern und sich selbst bei Gelegenheit in die Büsche zu schlagen.

Geil, Wolfgang. Und wir dachten schon, ihr Jungs würdet euren Job nur wegen der lukrativen Aufsichtsratsposten machen, die man als hoher Politiker so leicht bekommt. Statt dessen erfahren wir nun, daß es im Bundestag noch echte Helden gibt, und du bist einer von ihnen. Aber Wolfgang, eine Frage hätten wir dann doch noch. Mal angenommen, die Gegenseite wäre tatsächlich gewalttätig gewesen, und du hättest nicht hinter einer kleinen Armee von Polizisten gesessen, hättest du dann auch noch Zivilcourage gezeigt? Nur daß wir uns da verstehen: Wir meinen nicht die Art von Zivilcourage, die Spitzenpolitiker manchmal zur Schau stellen, wenn Fernsehkameras in der Nähe sind, sondern die richtige, für die man auch mal aufs Maul bekommen kann, wenn man Pech hat. Falls dir das nichts sagt, wende dich doch mal an Carsten S. oder den Heilbronner Rentner, der sich drei Randalierern in den Weg stellte. Die können dir dazu was erzählen. An Emeka Okoronkwo können wir in diesem Zusammenhang nicht verweisen. Er hat sein beherztes Eingreifen nicht überlebt.

Die Antwort auf diese Frage ist Wolfgang bislang schuldig geblieben, so daß wir hier nur spekulieren können. Tatsache ist: Am Abend, als von der Politik gehätschelte Linksextremisten ihr jährliches Zerstörungsritual feierten, als Geschäfte geplündert wurden und Steine auf Polizisten flogen, da war Wolfgang nicht mehr da. Bösartige Zungen könnten nun sagen, daß es mit seiner Courage vielleicht doch nicht so weit her sei, daß es wohl doch eher eine Mischung aus Geltungssucht und politischem Kalkül war, die ihn an diesem Tag gegen ein Häuflein "autonomer Nationalisten", gesellschaftlich ohnehin geächtet, auf die Straße gehen ließ. So etwas würden wir aber niemals behaupten. Wahrscheinlich lebt Wolfgang einfach nach dem alten Pfadfindergrundsatz: Jeden Tag eine gute Tat. Und das hatte er an diesem Tag ja wohl mehr als erfüllt.

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