Burschenschaft heute

In einer Zeit des allgemeinen Zerfalls, in der hart erkämpfte Freiheitsrechte mehr und mehr verloren gehen, ist die burschenschaftliche Idee aktueller denn je.

(Der folgende Text ist das Manuskript einer Rede, die auf dem 162. Stiftungsfest der Burschenschaft Hannovera gehalten wurde. Wir weisen darauf hin, daß es sich um keine offizielle Stellungnahme der Hannovera handelt, sondern um die private Meinung des Redners.)

(...) Die Burschenschaft ist keine junge Bewegung mehr. In einigen Jahren dürfen wir auf ihren 200. Geburtstag anstoßen. Die Zeit vergeht, die Welt um uns ändert sich, und wir müssen uns mitverändern, ob wir das wollen oder nicht. Was gestern noch gut war, kann heute unnötiger Ballast sein. Was gestern unsinnig gewesen wäre, ist heute vielleicht das Gebot der Stunde. Und ewig und immer wieder stellt sich die Frage, welche Veränderungen die richtigen sind. Wo endet Modernisierung und beginnt der Verrat an unseren Prinzipien? Dürfen unsere Prinzipien eigentlich unantastbar sein, oder machen wir uns damit zu Dogmatikern? Letztere Frage möchte ich gleich beantworten. Ethische und moralische Werte sind in den seltensten Fällen natürlich, sondern beruhen auf Konvention und sind damit Dogmen. Wenn ich mich in einer Burschenschaft engagiere, dann tue ich das, weil ich die Werte der burschenschaftlichen Bewegung für geeignet halte, Stützpfeiler einer lebenswerten Gesellschaft zu sein. Diese Werte sind griffig festgehalten in unserem Wahlspruch: Ehre, Freiheit, Vaterland.

Ehre, das meint die Überwindung selbsüchtiger Triebe, die Bereitschaft zum Verzicht zum Wohle der Gesellschaft, die Achtung von Sitte und Anstand, die Achtung der eigenen Würde sowie der Würde Anderer und schließlich den Mut und die Bereitschaft, als freier Mensch aufrecht zu Leben und sich zur Wehr zu setzen, wenn einem dies streitig gemacht wird.

Freiheit bedeutet das Recht auf Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, sowohl für Individuen als auch für Völker als Ganzes. Zwänge dort walten zu lassen, wo sie für ein geordnetes Zusammenleben notwendig sind, jedoch nicht, wo sie zur Ausbeutung dienen, damit es Wenigen besser geht. Ferner bedeutet sie das Bekenntnis zur Freiheit des Wortes und zum Pluralismus der Meinungen und Ideen in der Erkenntnis, daß sinnvolle Innovationen sich nur dort durchsetzen können, wo sie frei geäußert werden dürfen und daß das Unrecht es dort schwerer hat, wo es allen bekannt ist.

Vaterland. Heimatliebe ist gut, denn wahre Verantwortung übernimmt der Mensch nur für Dinge, die er liebt. Und eine Gesellschaft, das hat die Geschichte vielfach bewiesen und tut es noch heute, funktioniert am besten unter Menschen, die sich auf natürliche Weise verbunden fühlen; durch gleiche Sprache, gleiche Kultur, verwandtes Brauchtum und eine gemeinsame Geschichte. Deswegen halten wir auch an unserem volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff fest, auch wenn er im Gegensatz zum modernen Staatsbürgerrecht steht.

Die immer wieder aufgeworfene Frage, wer wir heute sein wollen, ob wir einfach eine Gemeinschaft sein oder uns politisch betätigen wollen, und falls ja, ob wir den Staat mittragen oder uns eher in der Opposition sehen, sie alle lassen sich damit auf eine einfache Frage reduzieren: Sind diese unsere Wertvorstellungen in der Bundesrepublik Deutschland verwirklicht bzw. wird das angestrebt? Falls ja, dann verdient sie unsere Unterstützung. Dann könnten wir in Ruhe unser studentisches Brauchtum pflegen und uns ansonsten nach Kräften bemühen, unsere jungen Bundesbrüder zu guten Leistungsträgern der Gesellschaft zu erziehen. Oder wir zögen gleich die letzte Konsequenz und lösten uns auf. Falls nein, dann ist es unsere Aufgabe, das zu ändern oder es zumindest nach Kräften zu versuchen. Wagen wir also doch einfach eine kurze Analyse unserer Gesellschaft auf Basis der burschenschaftlichen Grundwerte.

Wir gehen systematisch vor und beginnen mit der Ehre. Da sieht es schon mal gar nicht gut aus. Ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber einer Gesellschaft, deren Kulturleistungen sich im wesentlichen auf immer neue Tabubrüche beschränken, deren politische Führung mehr und mehr zu einem reinen Geschacher um Posten verkommt, die hemmungslos auf Kosten ihrer Kinder lebt und in der die Lüge selbstverständlicher Teil des politischen Tagesgeschäfts ist, der kann ich beim besten Willen keine Ehrenhaftigkeit zusprechen.

Um die Freiheit steht es, fürchte ich, nicht viel besser. Dabei begann die junge Bundesrepublik in der Hinsicht doch so vielversprechend. So selbstverständlich und für alle Zeiten fest installiert schienen Freiheit und Wohlstand, daß der deutsche Michel sich schließlich beruhigt zurücklehnte und in einen tiefen, sanften Schlummer fiel und gar nicht merkte, wie faschistoide Kräfte sich erneut breitmachten. Langsam, fast unmerklich verschob sich das politische Koordinatensystem. Aus dem antitotalitären Konsens wurde ein antifaschistischer, und die Definition dessen, was schon als faschistisch zu gelten hatte, immer absurder. Ein Beispiel gefällig? Erinnert sich noch jemand an den Fall Eva Hermann? Die beliebte Tagesschau-Moderatorin hatte es gewagt, zum Wohle unserer Kinder eine Stärkung der traditionellen Familie zu fordern und die deutschen Frauen aufzurufen, sich auf ihre Verantwortung als Mütter zu besinnen. Frau Hermann vertrat damit die Meinung einer großen Mehrheit in Deutschland. Das bestätigten Umfragen ebenso wie die Verkaufszahlen ihrer Bücher und die Beiträge in den Kommentarspalten von Nachrichtenseiten. Doch das Echo auf ihren Appell war vernichtend und spottete jeder Beschreibung. In einer Fernsehgesprächsrunde wurde sie wie eine Aussätzige behandelt, in aller Öffentlichkeit gedemütigt und als sie standhaft blieb, schließlich herausgeworfen. Die Medien griffen schließlich zur ultimativen Vernichtungswaffe unserer Zeit: Sie warfen ihr Verherrlichung des Nationalsozialismus vor. Daß dieser Vorwurf völlig haltlos war, sah jeder, der sich den genauen Wortlaut ihrer Aussagen ansah, aber es half nichts. In der veröffentlichten Meinung war sie unten durch und verlor am Ende ihre Arbeitsstelle bei der ARD. Für eine konservative Meinungsäußerung.

Ist das Freiheit, liebe Bundesbrüder? Ich will hier nicht für Frau Hermanns Aussagen werben. Ich persönlich stehe voll hinter ihren Worten, aber ich weiß, daß einige von euch das nicht tun. (...) Aber bei der Freiheitlichkeit gehe ich davon aus, daß sie unser kleinster gemeinsamer Nenner ist. Wenn das nicht mehr gegeben ist, sollten wir aufhören, uns Burschenschaft zu nennen. Und hier wurde aufs Schlimmste gegen eine Frau vorgegangen, die kein Verbrechen begangen hat, weil sie die Meinung der Mehrheit gegen die herrschende Klasse vertreten hat. Das Ganze unter kräftiger Mitwirkung aller großen Medien.

Überhaupt, die Medien, unsere vierte Gewalt im Staate, Grundpfeiler der Demokratie, der den Bürgern die freie Meinungsbildung erst ermöglicht. Ihre Einigkeit in der Frage, was wir erfahren dürfen und was nicht, ist geradezu unheimlich. Das ist besonders perfide, weil der Bürger angesichts ihrer vermeintlichen Vielfalt gar nicht auf die Idee kommt, man könnte ihm etwas verschweigen. Als vor etwa einem Jahr Rußland Krieg gegen Georgien führte, veröffentlichte die ARD ein Pressegespräch mit dem Regierungschef Rußlands, Wladimir Putin. Dieses Gespräch war unkommentiert gekürzt. Herausgenommen waren alle Passagen, in denen der Regierungschef Kriegsverbrechen der georgischen Armee gegen die Zivilbevölkerung der nach Rußland strebenden Region Südossetien anprangerte. Warum? Wären sie eine Propagandalüge gewesen, hätte man das in einem Kommentar darlegen können. Aber man nahm sie einfach heraus, ohne den Leser in Kenntnis zu setzen, um ihm das gewünschte Bild über diesen Konflikt zu vermitteln. Zur Erinnerung: Bei der ARD handelt es sich um einen durch Steuermittel finanzierten staatlichen Sender, dessen Aufgabe es ist, das Recht der Bevölkerung auf freie Information sicherzustellen. Wenn eine solche Institution zu einem staatlichen Instrument der Meinungsmache wird, dann ist das keine Bagatelle mehr.

Die beiden genannten Fälle sind längst keine Einzelfälle mehr, sondern haben sich vielfach wiederholt und tun es noch immer. Ich lasse es lediglich aus Zeitgründen bei ihnen bewenden, denn wir sind ja noch nicht fertig. Wie sieht es denn mit dem Vaterland aus? Ich würde ja wirklich gerne endlich mal etwas Gutes sagen, aber ich fürchte, auch hier kann ich es einfach nicht. Die Begriffe Vaterland und Heimat existieren vielleicht noch in Ortsverbänden, und manchmal tauchen sie in Wahlkampfzeiten auf, um konservative Stammwähler wieder einzusammeln, aber selbst das nur mit Vorsicht, denn auch sie stehen längst unter Faschismusverdacht. Praktische politische Bedeutung haben sie keine mehr. Als vor einigen Jahren die europäische Verfassung vorgelegt wurde, die wesentliche Souveränitätsrechte nach Brüssel abgetreten und Deutschland zu einem Bundesland eines europäischen Staates gemacht hätte, wurde sie ohne mit der Wimper zu zucken vom Parlament durchgewunken. Daß es sich, wie gesagt, um eine neue Verfassung handelte und unser Grundgesetz hierfür klar und unmißverständlich eine Volksabstimmung vorschreibt, interessierte die Damen und Herren Politiker offensichtlich nicht geringsten. Ganz im Gegenteil: Eine Mannschaft der ARD-Sendung Panorama, die sich vor dem Bundestag postiert hatte, konnte vermelden, daß keiner der von ihnen befragten Abgeordneten die EU-Verfassung überhaupt gelesen hatte. Wer auf so laxe Weise über Schicksalsfragen des deutschen Volkes entscheidet, der hat als Volksvertreter völlig versagt und gehört eigentlich aus seinem Amt entfernt. Die Einführung der Verfassung scheiterte schließlich an Frankreich und den Niederlanden. Dort war man unvorsichtig genug, das Volk vorher um seine Meinung zu fragen, und trotz massiver Regierungspropaganda entschied es sich in beiden Ländern dagegen.

In Brüssel hielt man das für eine Unverschämtheit, und ohne Umschweife begann man zu überlegen, was nun zu tun wäre. Den Willen des Volkes zu akzeptieren, das sich in seinen heimischen Nationalstaaten offensichtlich wohler fühlte als in einem EU-Superstaat ohne Staatsvolk, kam natürlich keine Sekunde lang in Frage. Wo kämen wir denn da hin? Zwei Jahre später war die Verfassung wieder da. Man nannte sie bloß nicht mehr so, sondern sie hieß jetzt Vertrag. Raffiniert. Die Absegnung durch den Bundestag war wieder genau so unkompliziert. Diesmal hatte der Vertrag den Abgeordneten zur Zeit der Abstimmung noch nicht einmal vorgelegen, aber das war ihnen offensichtlich egal. Nur wenige Abgeordnete leisteten Widerstand und klagten. Das Verfassungsgericht hat uns nun eine Galgenfrist verschafft, indem es klarstellte, daß der Bundestag keineswegs berechtigt sei, einfach Hoheitsrechte nach Brüssel zu übertragen und daß die Souveränität der Bundesrepublik auf jeden Fall erhalten bleiben müsse. Ob das nun die Rettung ist, bleibt abzuwarten. Gefordert wurden Nachbesserungen, an denen bereits fleißig gearbeitet wird.

Daß Fernsehen und Zeitungen es wieder einmal kaum für nötig hielten, die Menschen über den Inhalt des Reformvertrages und seine Folgen aufzuklären, sei hier nur am Rande erwähnt.

Ich könnte noch viele Beispiele nennen, aber ich will es dabei belassen, aus Zeitgründen. Liebe Bundesbrüder, ich sehe mich durchaus als Demokrat. Schließlich habe ich bei der Annahme meines Bandes einen Eid auf unsere demokratische Verfassung geleistet. Hätte ich das gar nicht so gemeint, dann wäre ich meineidig. Aber eines möchte ich sagen: Mit der demokratischen Idee ist irgendetwas ganz gewaltig schiefgelaufen. Und ich kann auch sagen was: Schuld ist die legendäre Trägheit und Konfliktscheue des deutschen Bürgertums. Sie hat es ermöglicht, daß eine einzige politische Strömung alle Schlüsselpositionen besetzen konnte. Der Aussage, wir hätten uns politisch überlebt, kann ich ganz und gar nicht zustimmen. Das mag früher einmal richtig gewesen sein, in den Fünfigern und Sechzigern, heute gibt es jede Menge für uns zu tun. Dieses Land hat dringenden Bedarf nach einer Reformbewegung, einem starken dritten Lager.

Die vielen jungen Menschen, die fühlen wie wir und sich bei den großen Parteien zu Recht nicht mehr heimisch fühlen, haben heute im Grunde zwei Möglichkeiten. Sie bleiben passiv oder sie schließen sich den Extremisten an, deren Triebkraft nicht wie bei uns die Liebe ist, die Liebe zur Freiheit und zum Vaterland, sondern der Haß. Die meisten entscheiden sich für ersteres. Die Frage ist bloß, wie lange noch, wenn wir nicht da sind, um sie aufzunehmen, denn die Zeiten werden nicht besser werden. Die Staatsschulden, die wir angehäuft haben, kann niemand mehr bezahlen, die Papiergeldexperimente der Kasinokapitalisten tun ein übriges. Wie der Terrorismusexperte Udo Ulfkotte vor kurzem in der „Zeit“ behauptete, beginnt die Regierung bereits im Stillen, sich auf soziale und ethnische Unruhen vorzubereiten.

Wenn wir als Bewegung wieder erstarken wollen, dann wird es Zeit, sich zu entscheiden. Als studentischer Trachtenverein ohne politischen Hintergrund werden wir langfristig keine Zukunft haben. Zu glauben, wir könnten uns restaurieren, indem wir mit der Spaßgesellschaft konkurrieren, ist ein tödlicher Fehler, denn die hält schon genügend Angebote bereit, von denen die meisten nicht mit Arbeit und Verantwortung verbunden sind. Unsere Zielgruppe sind ganz klar die Idealisten. Ihnen müssen wir eine Gemeinschaft bieten, die man in Deutschland sonst nicht mehr findet. Zusammen mit anderen Gruppierungen könnten wir dann wieder Teil einer Bewegung werden und uns gesellschaftlich etablieren. Das geht aber nur, wenn wir an die Öffentlichkeit gehen und laut und deutlich rufen: Hier sind wir! Damit werden wir uns natürlich Feinde machen, aber eben auch Freunde finden. Burschen heraus!